FestaJuninaBerlin 2014Christopf Schneider, 36, Potsdam:  “Als ein Freund mich zu einem traditionellen brasilianischen Fest namens Festa Junina einlud, dachte ich logischerweise zuerst an Karneval. Ich wurde eines besseren belehrt und nahm nicht an einem Umzug, sondern an einem folkloristischen, farbenfrohen, verspielten Volksfest teil, welches die ländliche Kultur Brasiliens auf für mich völlig neue Art und Weise präsentierte.

Paula Daunt, Mitbegründerin und Organisatorin der Festa Junina Berlin fragte mich, welches Fest wohl das größte in Brasilien sei. Bevor ich überhaupt Gelegenheit bekam auf ihre Frage zu antworten, sagte sie: „Richtig, es ist die Festa Junina! Jedes Jahr irgendwann im Laufe des Monats Juni wird im ganzen Land gefeiert. Die Leute tragen Kostüme, die ihr Vorbild in der einstigen Kleidung der ländlichen Bevölkerung Brasiliens haben. Die Kleider und Röcke der Frauen sind bunt und zum Teil mit Flicken versehen. Strohhüte, gefälschte Sommersprossen und Zöpfe kommen zum Einsatz. Der gesamte Festtag wird mit lustigen Spielen, Albereien, Trinken, Essen und Tanzen verbracht. Anders als der Karneval ist diese Tradition nur wenigen Menschen außerhalb Brasiliens bekannt.“

Ihre Beschreibung der Festa Junina passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Ich betrat das Festgelände, bestellte mir einen Caipirinha an der Bar und da lud mich auch schon eine sympathische Brasilianerin, die das bunteste Kleid trug, das ich je in meinem Leben gesehen habe, ein am nächsten Spiel teilzunehmen. “Das Mumienspiel wird in 2 Minuten beginnen. Du brauchst einen Partner. Schnapp dir die Rolle Toilettenpapier und es kann losgehen. Die erste Person, die ihren Partner komplett in Toilettenpapier eingewickelt hat, gewinnt.“ sagte Winnie.

Ich entschied mich für einen Caipirinha und die Beobachterrolle. Den Leuten beim Mumienspiel zuzusehen war großartig. Nach ca. einer Minute aus Chaos, gefolgt von einem lauten Abstimmvorgang, gab es einige halbverpackte Mumien und einen demokratisch gewählten, vollkommen eingewickelten Gewinner. Danach ging es mit dem international bekannten Stuhltanz, mit Dreibeinrennen, Tauziehen, Ballonexplosionen und anderen Spielen, die ich nicht kannte, weiter. Sie  verbreiteten eine Menge Spaß.

Mein Favorit unter den Spielen war eindeutig “Correio Elegante”, was man wohl am besten mit „Die freche Post“ übersetzt. Hierbei überbringen die Boten während des gesamten Festtages anonyme Nachrichten von einer Person zur nächsten. Die frechen Mitteilungen werden manchmal sogar von kleinen Aufmerksamkeiten, von Süßigkeiten und Geschenken begleitet. Wenn man an jemandem interessiert ist, dann ist die freche Post definitiv der Weg der Kontaktaufnahme. “Der schwierigste Teil meiner Arbeit ist es, die Nachricht anonym zu überbringen. Teilweise bestehen die Leute darauf zu erfahren, wer der Versender der Botschaft ist. Aber Geheimhaltung ist für dieses Spiel entscheidend.“ sagt die verantwortliche Botin der frechen Post Sarah Machado.

Ein zentrales Element jeder Zusammenkunft in Brasilien ist die Musik und die Festa Junina bildet hierbei keine Ausnahme. Neben den bekannten, stark rhythmisch geprägten Klängen der 60er und 70er Jahre, spielen die DJs und Bands eine Vielzahl von Stücken des Genres Forró. Forró ist eine traditionelle Musikrichtung, die ihren Ursprung im Nordosten Brasilien hat. Die typische Forró-Band besteht aus einer Kombination der drei Instrumente Akkordeon, Zabumba und Triangel. Wird zu Forró getanzt, so geschieht das paarweise. Meistens sind die Partner eng beieinander und ähnlich dem Walzer hält die linke Hand des Mannes die rechte Hand der Frau. Und obwohl es nicht Bedingung ist, dreht Mann sich in alle Richtungen, auf die verschiedensten Arten. Nachdem ich ein wenig Forró tanzte und einen weiteren Caipirinha trank, beschloss ich die angebotenen Speisen zu probieren. An verschiedenen Ständen wurden Süßigkeiten, Kuchen und Gebäck angeboten. Hauptzutaten waren Mais, Reis, Tapioka, Maniok und all die Dinge, die den Brasilianern zu Beginn des Winters, also zum Zeitpunkt der Ausrichtung der Festa Junina zur Verfügung stehen. Mein absolutes Lieblingsgericht fand ich mit der Canjica, einer Art frischem Maispudding. Einfach köstlich!

Nach den vielen Eindrücken des Tages, nachdem Augen, Ohren, Bauch, Körper und Geist  versorgt waren, wollte ich gehen, war ich reif für mein Bett. Ich zog gerade meine Jacke an, als ein brasilianisches Mädchen auf mich zustürmte. Laut und aufgeregt fragte sie, wo ich denn jetzt hin will und ob ich nicht noch zur Party käme. “Welche Party?” fragte ich. Ich dachte wir hätten schon eine Party gehabt! Sie drängte mich zum YAAM Club neben dem Festivalgelände wo ich die Tropical Diaspora Root Sound fand, eine seit langem etablierte Party bei der Dj Garrincha und DJ Socrates, zusammen mit funky Afrobeat und Latino Bands spielen. “Only on Vinyl!” heisst es, wenn bis in die Nacht hinein seltene afro latino Grooves aus Brasilien aufgelegt werden. Ich kann die Festa Junina Berlin allen empfehlen, die Lust haben für fast 20 Stunden lang Spaß mit den Brasilianern Berlins zu haben!”